Papst Benedikt XVI. auf dem 20. Weltjugendtag in Köln

Eine Grundsatzkritik  von Dr. Paul Schulz

Es geht hier nicht um den Weltjugendtag der katholischen Kirche als solchen. Der war in Köln der 20. dieser Reihe und damit eigentlich ein gewohnter Vorgang. Spannend wurde dieses Ereignis durch die Ankündigung, dass der neue Papst dort auftritt. Das ließ die Erwartung zu, dass etwas erkennbar würde von den Grundsätzen, die der neue Papst zur geistigen Situation der Menschen in unserer modernen Welt auf Zukunft hin vertreten wird. Ganz ohne Frage haben diese Grundsätze große Bedeutung, weil sich ein großer Teil der Menschen von solchen Grundsätzen leiten lässt und deshalb davon unmittelbar betroffen ist. Zugleich aber ist die exponierte Position eines Papstes gerade auch in unserer multikulturellen Welt als Repräsentanz des Christentums schon von großem Gewicht. Es ist also wichtig für jeden, der mit dem Geist der modernen Welt befasst ist, den Papst in seinen Aussagen im Pro und Kontra kritisch und fest im Blick zu haben. In unmittelbaren Nähe zum Auftreten des Papstes in Köln heben wir einen jener zentralen Punkte heraus, der auf Zukunft hin die Konfrontation zwischen Papst und Welt bestimmen wird, nämlich

Der Kampf um Gott

1.   Der päpstliche Gott

Der Papst hat in Köln die Jugend aufgerufen, ihre Herzen weit für Gott zu öffnen. Diese Aufforderung ist von einem Kirchenführer natürlich zu erwarten. Letztlich weiß sich jeder „Theologe“ in der geistigen Verpflichtung, Menschen auf die Frage „Gott“ hin zu öffnen. Die Gott-Frage bewegt ja gerade auch einen Atheisten, denn sein „Denken ohne Gott“ ist doch immer auch eine ganz bewusste Reaktion auf die „Spekulationen mit Gott“. Das bewusste „Nein zu Gott“  kämpft um Daseinsbewältigung wie das bewusste „Ja zu Gott“. Das Problem von Köln ist also nicht, d a s s  der Papst von Gott redet, sondern  w i e  der Papst von Gott redet: Wie also? Der Papst warnt die jungen Menschen davor, dass sie sich ein eigenes Bild von Gott machen. Allein gültig sei die Vorstellung von Gott so, wie die katholische Kirche in ihren dogmatischen Aussagen von Gott redet und lehrt. Ausschließlich diese Vorstellungen von Gott seien den Jugendlichen erlaubt. Der Papst setzt damit die Lehre der katholischen Kirche für alles Bewusstsein um Gott uneingeschränkt absolut

  • gegen alle differierenden theologischen Vorstellungen innerhalb der katholischen Kirche selbst
  • gegen die Vorstellungen aller anderen christlichen Kirchen und Konfessionen
  • gegen die Vorstellungen aller anderen nichtchristlichen Religionen
  • gegen alle religiös-philosophischen Vorstellungen außerhalb der institutionalisierten Religionen
  • und gegen alle nicht religiös-philosophischen Denkabläufe der säkularen abendländischen Geistesgeschichte.

Gegen sie alle gilt dem Papst auf Gott hin allein die lehrdogmatische Position der katholischen Kirche. So spricht katholische Inquisition aus dem strengsten Geist des Mittelalters. So agiert ein Mann, der 25 Jahre im Vatikan der Behörde moderner Glaubenskontrolle vorgestanden hat, eine Behörde, die sich zwar heute mit „Glaubenskongregation“ anders nennt, aber sich geistig von den einst allein herrschenden Zeiten nur dadurch unterscheidet, dass ihr das Schwert, mit der sie damals Andersgläubige kurzerhand umgebracht hat, vom säkularen Staat zwangsweise aus der Hand genommen worden ist. Die anderen Kirchen und Konfessionen, die anderen Religionen und Philosophien mögen sich selber dagegen verteidigen und für ihre eigene Glaubens- und ihre eigene Gedankenfreiheit kämpfen! Wenn nicht jetzt gegen einen solchen Absolutheitsanspruch des Papstes wann dann sonst will man antreten gegen einen derart brutalen Entmündigungsangriff gegen den denkenden Menschen einer aufgeklärten Welt?

2.  Der päpstliche Glaube

Der Papst sagte in Köln fast im gleichen Atemzug, dass Glauben nichts mit Macht und Machtausübung zu tun habe. Glauben vielleicht nicht, Herr Papst. Aber I h r  Glaubensanspruch und  I h r e  Forderung des Glaubensgehorsams, der ist stärkste Machtausübung. Da nämlich, wo jemand wie Sie vom Glaubenden fordert, dass er nur das glauben darf, was Sie und Ihre Institution ihm vorschreiben, da allerdings herrscht eine der radikalsten Machtausübungen über den anderen Menschen überhaupt. Denn jede Abweichung davon bedeutet kirchenseits doch, dass dann das ewige Seelenheil des Einzelnen bedroht ist. Wer nicht richtig glaubt, was die Kirche vorschreibt, der ist in seinem ewigen Seelenheil bedroht – kirchliche Strafverfolgung bis über den Tod hinaus. Und eben diese Machtausübung demonstriert der Papst in Köln eisenhart mit gewinnendem Lächeln in die Massen – und alle klatschen! Geben Sie Gedanken-Freiheit, Sire! möchte man im Schillerjahr 2005 dazwischen schreien. Doch dem reißenden Wolf im weißen Outfit jubeln die jungen Schafe zu -  für ein paar „coole Stunden“ auf Wiese und Acker. Aber keines der dringenden Probleme der jungen Menschen – von der Verhütung – über Schwangerschaftsabbruch  -  bis hin zu AIDS  - ist geistig gelöst, ganz feige nicht einmal mit einem einzigen Wort angesprochen worden. In ihren wirklichen Lebensproblemen hat der Papst und mit ihm seine offizielle Kirche die jungen Menschen auch diesmal wieder allein gelassen. Statt dessen wird auch weiterhin in der katholischen Kirche von den alten Männern Roms gegen die Jugend der Welt moralmonopolisch von oben herunter regide durchregiert ! Angst um die Geistesfreiheit packt den Denkenden angesichts dieses Glaubensfundamentalismus nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum.

3. Denkfreiheit

Denn der dogmatische Gott ist die stärkste Machtausübung über den Menschen. Er ist die größtmögliche Gehorsamsautorität, die den Menschen bindet, ja, unterdrückt. Damit hat die Kirche den Menschen unmündig und dumm gehalten durch die Jahrhunderte hindurch. Sie hat den Menschen nur denken lassen, was sie selbst als denkbar für erlaubt erklärte. Also brachen autonom denkende Menschen aus dieser kirchlichen Bevormundungsdiktatur aus  -  ein langer Weg durch die säkulare Aufklärung. Zumindest der bekennende Atheist verwahrt sich gegen jede Bevormundung gerade auch in seinem Denken und Reden von Gott: Dabei ist die These, sich ein eigenen Bild von Gott zu machen der ureigenste Erkenntnisansatz der europäischen Geistesgeschichte von den altgriechischen Naturphilosophen bis hin zu dem bedeutenden Philosophen Ludwig Feuerbach, dessen 200. Geburtstag wir im Jahr 2004 gefeiert haben. Feuerbachs berühmte These in seiner revolutionären Schrift „Das Wesen des Christentums“ aus dem Jahre 1841 lautet: Nicht Gott ist Schöpfer des Menschen, vielmehr der Mensch ist Schöpfer Gottes. Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, sondern der Mensch, jeder Mensch schafft sich Gott nach menschlichen Vorstellungen. Deshalb ist Gott kein eigenständig existierendes Wesen, sondern Gott existiert nur als Vorstellung des Menschen. Der Mensch ist Anfang des Seins Gottes, der Mensch ist Mittelpunkt des Seins Gottes, der Mensch ist das Ende des Seins Gottes. Deshalb hat noch nie und nirgends Gott zu den Menschen geredet, sondern immer nur haben Menschen auf Gott hin gedacht und geredet. In summa: Redet der Mensch von Gott, dann redet er von sich selbst. Alle Theologie ist somit Anthropologie. Gott ist Projektion des Menschen. Natürlich auch alle religiösen Vorstellungen der katholischen Kirche. Auch sie sind nichts weiter als Vorstellungen von Menschen, in der Kirchengeschichte oftmals mit widrigsten Mitteln durchgesetzt auf Kosten schwerer Opfer der Andersglaubenden, oder gar Nichtglaubenden. Gott also als Machtdurchsetzung derjenigen, die es keineswegs richtig wussten – aber die Macht hatten! Für nahezu jeden solcher religiösen Machtfälle gibt es in der Dogmengeschichte mindestens eine, meist mehrere gleichwertige Gegenpositionen, die nur deshalb als falsch erklärt wurden, weil die anderen die Stärkeren waren, intriganter, gerissener, privilegierter. Als Sieger haben sie triumphierend über die Besiegten das „Damnamus – wir verdammen euch“ verhängt und vollstreckt -  im Namen ihres Gottes und damit Wahrheit, ihre Wahrheit, propagiert. Mit nichts ist in der Geschichte der christlichen Kirche mehr Macht und Gewalt ausgeübt worden gegen die Meinung der anderen als mit der Monopolbehauptung der herrschenden Institution: Nur unser Gott! So nun auch wieder der neue Papst. Kirche wie immer. Kirche der alten Männer der Macht.

4.  Plausibilitätskontrolle

Ich stelle mir einen Augenblick vor, wo wohl Jesus von Nazareth zu finden gewesen wäre in diesen Welttagen von Köln: Neben dem Papst im Papamobil auf dem Beifahrersitz und jovial in die Massen winkend wie beim Kölner Karneval? Ich kann mir das nicht vorstellen. An den Reporterständen, um den religiös-beflissenen Journalisten von der neuen himmlischen BILD-Post Interviews zu geben? Ich kann mir das nicht vorstellen. Oben auf der Bühne zwischen den weißen Herren einherrschreitend, psalmodierend und all den liturgischen Schnickschnack zelebrierend? Ich kann mir das nicht vorstellen. Zu Füßen des neuen Papstes, als der gerade sagte, Gott sei nur so zu glauben, wie die katholische Kirche es behauptet? Ich kann mir das nicht vorstellen. Nachts in den Nobelsuiten der Hotels, wohin die kirchlichen Würdenträger nach getaner Arbeit zufrieden verschwanden? Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich glaube eher, Jesus wäre ausgerastet. Immer wieder. Jesus hat nie da gestanden, wo von der Religionsbehörde mit Gott Herrschaft ausgeübt wurde. Jesus ist von solcher Religionsbehörde verfolgt, gefangen genommen, umgebracht worden – eben weil er von Gott und auch sonst nicht so gedacht hat wie sie!

5. Lösung des Menschen von Gott als Aufhebung der Fremdbestimmung

Durch die Loslösung von dem verordneten Gott der Institution als der höchsten religiösen Autorität ?setzt sich der Mensch frei von größtmöglicher Fremdbestimmung. Indem der Mensch sich herausnimmt aus solcher Bevormundung, entwickelt er sich zu einem sich selbst bestimmenden Individuum. In dem Maße, in dem für ihn göttliche Direktiven keine Gültigkeit mehr habe, wird ihm das Leben fassbar als eine  völlig auf sich selbst gestellte Existenz. Der Mensch lernt, in größtmöglicher Eigenverantwortung zu denken und als autonomer Mensch zu leben. Dabei kann der Mensch Gott selbst denken als das für ihn Letztgültige, das heißt: Der Mensch kann sich in Gott den Höchstwert seines Lebens definieren, um sich so die Fülle seiner Lebensmöglichkeiten bewusst zu machen. Denken auf Gott hin ist also der immer erneute Versuch des Menschen, mittels eigener Bewusstwerdung aus sich selbst heraus und in Abstimmung mit Gedachten gültige Werte zu setzen in der Bereitschaft, sie zu verwirklichen. Deshalb gibt es in den Kulturen und Religionen, in der Geistesgeschichte der Menschen ganz allgemein so völlig unterschiedliche Vorstellungen von Gott, weil durch die Jahrtausende hindurch jeder in den Göttern oder in Gott seine eigenen Bedürfnisse, seine eigenen Sehnsüchte, Wünsche und Träume in Vorstellung zu bringen versucht. Gott ist so selbst bestimmt das ureigenste Wesen des Menschen. Sein Eigen. Die Projektion des menschlichen Selbst. Nicht absolut, manifest, statisch-institutionell, sondern immer in Bewegung, nach vorne offen, weil sich der Mensch in sich selbst verändert auf immer neue Einsichten und Ziele hin. Der Mensch nimmt so das irdische Leben als einziges Leben in seiner radikalsten Herausforderung an. Er begreift, dass ein Sinn dieses Lebens nicht von einer göttlichen Instanz gesetzt ist, sondern dass alle Sinngebung, alle – auch religiösen – Werte, Gebote, Gesetze vom Menschen selber gemacht sind. Individuell und generell gültigen Sinn des Daseins gibt es für den autonom denkenden Menschen deshalb nur, indem der Mensch solche Wertsetzungen selbstverantwortlich schafft und umsetzt.

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