Atheismus – Fortsetzung der Religion?

Interview vom 6. Februar 2008
Originalartikel: http://www.dieevangelische.de

Atheismus – Fortsetzung der Religion?

Hamburg – Er wurde der „Ketzerpastor“ von Hamburg genannt. 1977 leitete die Nordelbische Kirche gegen Paul Schulz (Jg. 37), Pastor an der Hauptkirche St. Jacobi, als bisher einzigem Theologen Nordelbiens, ein Lehrbeanstandungsverfahren ein. Auslöser nach heftigen Kontroversen war 1977 sein Buch „Ist Gott eine mathematische Formel?“. Darin setzt sich Schulz kritisch mit dem überlieferten kirchlichen Bekenntnis auseinander.

In Konsequenz wurden ihm 1979 die Rechte als Pastor aberkannt. 1981 ging er in die freie Wirtschaft. Vor elf Jahren gründete Schulz die Seniorenakademie Alstertal. Der ehemalige Pastor aus Leidenschaft ist noch regelmäßig als Trauerredner tätig. 2007 meldete sich der Doktor der Theologie und bekennende Atheist mit dem Buch „Codex Atheos – die Kraft des Atheismus“ (Verlag Aug. Rauschenplat) wieder zu Wort. Seine These: Durch die Loslösung von Gott befreit sich der Mensch von größtmöglicher Fremdbestimmung und entwickelt sich zu einem sich selbst bestimmenden und verantwortenden Individuum. Obwohl sich Schulz nicht als „Missionar“ bezeichnet, gibt er sich in seiner „Initiative Säkularer Staat, Säkulare Gesellschaft“ (I.SS.SG) kämpferisch: „Die Überlagerung unserer aufgeklärten Welt mit Religion hat ein unerträgliches Maß erreicht! Denkender Mensch, wehre Dich!“

nez: Sie bezeichnen sich als bekennenden Atheisten.

Paul Schulz: Auch ein Atheist glaubt, wenn auch aus Rationalität heraus. Es ist ja nicht so, dass ein Atheist alles hundertprozentig weiß. Auch er muss sich zu seinen Prinzipien bekennen.

Wie erklären Sie einem Kind, was Atheismus ist?

Das kommt auf das Kind an, wie weit es schon für dieses Thema offen ist. Jedes Kind wird in religiöses Empfinden hineingeboren, erfährt zunehmend Religion spätestens im Kindergarten oder von Nachbarn. Das Kind kann dabei den Begriff Gott durchaus als Autorität erfahren. Auf gar keinen Fall würde ich, wie in dem Kinderbuch von Michael Schmidt-Salomon (Anm.der Red.: Titel „Wo bitte geht´s zu Gott, fragte das kleine Ferkel“), einem Kind den Gottesbegriff vorschnell „zerdebbern“. Nicht religiös sein, ist ein Bewusstwerdungsprozess des denkenden Menschen. Deshalb müssen die Eltern ihrem Kind gezielt die Chance geben, mit kritischen Fragen aus seinem Kinderglauben herauswachsen zu können.

Atheismus ist die Reaktion auf bestehende Gottesbilder. Braucht es diesen engen Zusammenhang?

In der Sendung „Menschen bei Maischberger“ im Juni vergangenen Jahres wurde mir bei der Vorstellung aufgrund meines Buches die These zugeschrieben, der Atheismus sei die Fortsetzung der Religion. Ich habe erst gezuckt, dann aber zugestimmt. Nur wer wirklich den vollen Gottesanspruch erfahren hat, darin groß geworden ist, kann die Dramatik der Loslösung von Gott voll erfassen. Denn Atheismus ist ja eine Befreiung von Gott, aber nicht eine Befreiung im Sinne „das interessiert mich überhaupt gar nicht“, sondern der Werdeprozess eines selbst reflektierenden Menschen, eine „rationale Geburt“.

Was sagen sie zur These von der „Rückkehr der Religion“?

Es ist wie beim derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung: Es kommt unten in der Kirche nichts an. Ob der Papst sich medial inszeniert oder zwei Bischöfe in einer Talkshow sitzen und sich über einen Atheisten mokieren: Deshalb geht keiner mehr zur Kirche. Die Position eines hohen Kirchen-vertreters zur Frage „Gibt es ein Hölle oder nicht“ ist medial nur deshalb interessant, um vorzuführen, wie er sich aus dieser Frage herauswindet. Trotzdem werden überall Kirchen geschlossen, im Bistum Hildesheim jetzt 80, in Hamburg in summa über 20, im Kölner Bereich über 140.

Was ist mit der abendländisch-christlichen Leitkultur?

Der säkulare Raum ist nach meiner Meinung nicht dafür da, dass Glaubensgruppen in den Schulen religiösen Glaubensunterricht geben. Auch theologische Fakultäten haben an staatlichen Universitäten nichts zu suchen. Ich halte es auch für falsch, dass der Staat die Trennung von Staat und Kirche in einem „Kommunikationsmodell“ praktiziert, mit dem er mittels deren sozialer Arbeit die säkulare Gesellschaft an die Religion „verkauft“. Die Neuapostolische Kirche und andere vitale Christengemeinden machen ihre Gemeindearbeit unter dem Schutz des säkularen Staates, ohne dass sie einen politischen und gesellschaftlichen Machtanspruch einfordern.

Sie sind auch als Trauerredner tätig. Was bedeutet für Sie „Trost“?

Für viele Menschen heute ist die Aussage „nach dem Tod ist ewiges Nichts als eine ewige Ruhe“ trostreicher, als die Verheißung auch nach dem Tod im Himmel wieder fremdbestimmt von Gott „auf Wolke sieben Halleluja singen zu müssen“. Meine Trauerreden heben die Botschaft des gelebten Lebens heraus. Ich stelle das jeweilige Leben – im Sinne von Joseph Beuys – als das persönliche Kunstwerk des Verstorbenen dar – ohne Gott. Gerade das bleibt den Trauernden in tröstender Erinnerung.

Sie bekennen sich zu ihrer atheistischen Weltsicht. Schwingt die Erkenntnis, „Es geht auch ohne Gott“, nicht immer schon mit in der säkularen Gesellschaft?

Natürlich! Gott kommt doch in unserem alltäglichen Leben, etwa an der Arbeitsstelle, überhaupt gar nicht mehr vor. Dennoch präsentieren die Kirchen mit Gott eine „Bevormundungsautorität“. Gott ist jenseitig absolut. Ich dagegen plädiere mit Gott für eine ganz diesseitige, individuelle „Orientierungsautorität“: Jeder Mensch hat sein eigenes Gottesbild gemäß der revolutionierenden philosophischen Erkenntnis von Ludwig Feuerbach: Der Mensch schafft sich Gott, macht sich seinen Gott selbst. Gerade diese Feststellung muss den Denkprozess auf Gott hin nicht aufheben. Wenn der Mensch mit seinem persönlich gedachten Gott das Gute als Letztgültiges definiert, dann setzt er sich damit selbst ein humanes Ziel. Allerdings muss man diesen Denkprozess aber auch nicht mit Gott benennen, sondern kann genau dieses Bewusstwerden ganz menschlich als eigene atheistische Selbstverantwortung verstehen.

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