Den Gott der Kirche gibt es nicht

Interview vom 28.06.10 -> http://www.welt.de

“Den Gott der Kirche gibt es nicht”

Paul Schulz war Pastor an St. Jacobi, bis die Kirche ihm 1979 die Predigterlaubnis entzog. Jetzt kämpft er um Rehabilitation – und eine Befreiung des Gottesbegriffs von kirchlichen Dogmen
von Jens Meyer-Wellmann

Ein Interview, das er 1971 mit der WELT führte, löste eine bundesweite Diskussion aus. Paul Schulz, seinerzeit Pastor an St. Jacobi, hatte in dem Gespräch erklärt, Gott gäbe es nicht. Wenig später titelte die “Bild”-Zeitung deutschlandweit: “Hamburger Pastor glaubt nicht an Gott”, und auch der “Spiegel” nahm sich der Causa Schulz an. 1979 entzog die evangelische Kirche Schulz die Predigterlaubnis. Der Geistliche wechselte ins Management einer Brauerei. Jetzt hat der 72-Jährige die Wiederaufnahme seines Verfahrens beantragt. Im Gespräch mit der WELT sagt er, was ihn antreibt – und warum die Kirche die Frage nach Gott neu diskutieren muss.

DIE WELT: Herr Schulz, was drängt einen bekennenden Atheisten zurück in die Kirche?

Paul Schulz: Zunächst stelle ich fest: Ich will nicht wieder Pastor werden. Ich stelle auch keinerlei materielle Versorgungsansprüche an die Kirche. Mir geht es darum, dass das Lehrzuchturteil der Amtskirche gegen mich rechtlich und theologisch nicht haltbar ist und deshalb aufgehoben werden muss.

DIE WELT: Warum jetzt, nach 31 Jahren?

Schulz: Anlass ist der Fall des Pastors Klaas Hendrikse in den Niederlanden. Hendrikse ist als Pastor erklärter Atheist. Er predigt, dass es Gott nicht gibt. Die Leitung der Protestantischen Kirche der Niederlande hat trotz Beschwerden entschieden, dass Hendrikse weiter Pastor bleiben und predigen darf. Sie hat erklärt: “Dass der Pastor auf der Kanzel sagt: ,Gott besteht nicht’, ist ein Teil der theologischen Debatte. Eine solche Meinung tastet die Fundamente der Kirche nicht an.” In der Predigt sind sich der Fall Hendrikse und mein Fall sehr ähnlich. In der Beurteilung durch die Kirche sind sie es nicht. Damals hat mich die Kirche als Ketzer verurteilt, mir alle Ordinationsrechte genommen und mich aus dem Pastorendienst entlassen.
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DIE WELT: Sie haben aber auch gegen die Bekenntnisse der Kirche verstoßen. Schließlich gründet die Kirche auf dem Glauben an einen Gott und an dessen eingeborenen Sohn Jesus.

Schulz: Gott im Denkprozess ist eben keine für immer feste Größe. Der Begriff “Gott” hat sich in der Vergangenheit immer wieder verändert und verändert sich gerade in unserer Zeit völlig neu. So sind heute alle personhaften Vorstellungen von Gott hart infrage gestellt. Seit der Glaube an Gott durch das Feuer der Aufklärung gegangen ist, musste die Theologie anerkennen, dass alle Vorstellungen, die wir von Gott haben, Projektionen des Menschen sind. Ludwig Feuerbach sagt: “Redet der Mensch von Gott, dann redet er von sich selbst. Gott ist des Menschen ureigenes Selbstbild.” Dazu gibt es bis heute kein einziges überzeugendes Gegenargument.

DIE WELT: Das allein hat aber mit christlicher Theologie nicht mehr viel zu tun.

Schulz: Eben doch. Es ist im Kern ein elementarer Theologieprozess, der in unseren Tagen um Gott abläuft. Ich gebe Ihnen dafür ein Beispiel: Margot Käßmann hat vor einigen Jahren als Bischöfin gesagt, sie könne sich Gott als Frau vorstellen. Das höchst Kritische an Frau Käßmanns Aussage ist nicht die Vorstellung Gott als Frau, sondern ihr Anspruch: “Ich kann mir Gott vorstellen als …” Frau Käßmanns schwebende Gott-Häresie verstößt ganz massiv gegen das zweite Gebot: “Du sollst dir kein (eigenes) Bildnis von Gott machen.”

DIE WELT: Wenn Sie aber nicht an den Gott der Kirche glauben, müssten Sie sich doch auch nicht mehr mit ihr auseinandersetzen. Philosophieren können Sie auch überall woanders.

Schulz: Die Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff birgt große Möglichkeiten des Menschen, zu sich selbst zu finden und letzte Fragen seiner Existenz für sich zu ergründen. Wenn Menschen die Frage nach Gott in Freiheit bewegen können, und nicht unter der Last von Dogmen, dann kann das ein immenser Gewinn für ihr Leben sein. Es geht vor allem um die Frage: Was will ich als Mensch mit meiner Existenz anfangen? Ich habe darauf geantwortet in den “Hamburger 10 Geboten”, die ich in den 70er-Jahren entworfen habe: “Du kannst dir Gott vorstellen als Höchstwert deines Lebens, um dir so die Fülle deiner Lebensmöglichkeiten bewusst zu machen.” In St. Jacobi haben wir in den 70er-Jahren versucht, die Denkfreiheit, die in der Zukunftsdimension “Gott” liegt, in die Kirche hineinzutragen und veraltete Gott- und Religionsvorstellungen in der Kirche selbst aufzulösen.

DIE WELT: Ist Jesus für Sie auch eine reine Projektionsfläche der Menschen?

Schulz: Der Mensch Jesus von Nazareth hat mit großer Wahrscheinlichkeit gelebt. Die moderne wissenschaftliche Quellenforschung ergibt da ein sehr positives Ergebnis. Im Zentrum seiner Botschaft spricht Jesus von Gott als Liebe und Barmherzigkeit. Überall da, wo geliebt und Barmherzigkeit geübt wird, ereignet sich Gott. Mit dieser neuen Gott-Definition hebt Jesus den Gott der Gerechtigkeit des Alten Testamentes radikal auf. Infolge seines neuen Gottesbildes verkündet Jesus die Solidarität der Starken mit den Schwachen, den Armen und Kranken, mit allen, die als “Sünder” aus den gerechten Normen der Religion und Gesellschaft herausfallen. Für diese weltliche Botschaft ist Jesus auch gestorben. Ich bin mit Leidenschaft Jesuaner. Die Kirche wurde aber nicht von Jesus, sondern von Paulus gegründet.

DIE WELT: Mit welcher Folge?

Schulz: Paulus denkt völlig anders als Jesus. Paulus ist tief in den alttestamentlichen, ja, rabbinischen Vorstellungen von einem gerechten Gott verankert. Er spricht ständig von der Gerechtigkeit Gottes und von Gehorsam. Das steht kontrovers zu Jesus. Jesus hat sich gegen die Werkgerechtigkeit der Pharisäer bis in den Tod gestritten. Genau hier liegt die große reformatorische Erkenntnis von Martin Luther. Für Luther ist die Gerechtigkeit Gottes nicht die pharisäisch-katholische Werkgerechtigkeit, die der Mensch gegenüber Gott zu leisten hat. Für Luther ist die Gerechtigkeit Gottes die Gerechtigkeit, die Gott dem Menschen aus Gnade und Barmherzigkeit schenkt. Damit kommt Luther dem Kern der Botschaft Jesu ganz nahe.

DIE WELT: Gott ist eine Projektion, sagen Sie, jeder macht sich seinen eigenen Gott. Braucht eine Kirche aber nicht einen Grundkonsens, den Kern eines gemeinsamen Gottesverständnisses und damit auch gemeinsame Rituale?

Schulz: Ich fordere eine andere Kirchlichkeit. Die Kirche beruft sich offiziell nur auf alte dogmatische Formeln und Bekenntnisse. Diesen Gott, den die Kirche verkündet, gibt es nicht. Deshalb bin ich Atheist. Ansonsten hat jeder Theologe und Pastor, jeder Organist und Küster seine eigenen Vorstellungen von Gott. Auch natürlich die Kirchenbesucher. Nicht der gleiche Gott, der abweichende Gott ist typisch. Angesichts dieser riesigen Vielfalt der Gottesvorstellungen gründet jede ehrliche Predigt auf der Kanzel in der atheistischen Feststellung: Gott, so wie die Kirche ihn verkündet, gibt es nicht. Die Predigt muss von da jede weitere Behauptung auf Gott hin Schritt für Schritt neu aufbauen.

DIE WELT: Sie propagieren den Atheismus auch in Büchern. Noch mal, Herr Schulz: Was, in Gottes Namen, wollen Sie in der Kirche?

Schulz: Natürlich geht es mir auch um Gerechtigkeit mir gegenüber als Theologe und meiner Arbeit als ehemaliger Pastor der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg. Letztlich aber geht es um etwas ganz anderes: Die Kirchenleitung in den Niederlanden hat den Fall Hendrikse zum Anlass genommen, zum Herbst eine Synode einzuberufen, auf der ausschließlich die Gottesfrage zur Diskussion steht. Ich fordere mit meinem Einspruch die Evangelische Kirche in Deutschland auf, in einer Geistlichen Generalsynode auf breiter Basis die Frage nach Gott von Grund auf zur Diskussion zu stellen, nicht nur intern, sondern mit allen Konfessionsfreien, säkularen Humanisten, Freidenkern, Agnostikern und Atheisten.

DIE WELT: Die Kirche soll Gott abschaffen?

Schulz: Die Gottesfrage ist ein brennendes Problem. Inmitten unserer Gesellschaft, in der nur noch über kriminelle Priester und korrupte Banker und den angeblich alternativlosen Krieg in Afghanistan gesprochen und geschrieben wird, muss dringend über die geistige Mitte unserer Kultur diskutiert werden. Gott ist dabei – wie auch immer definiert – Kristallisations- und Orientierungspunkt der geistigen Kräfte unserer abendländischen Gesellschaft gewesen. Eine zukünftige Gesellschaft ohne diese Neuorientierung wird – auch gegenüber dem Islam – geistig verarmen und unterliegen.

Schulz: Das Gespräch führteJens Meyer-Wellmann

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