Brauchen wir Religion?

Kommentar im Economy/Wien Dezember 2009

Religion bedeutet immer Fremdherrschaft Gottes über den Menschen. Immer steht der Mensch unter göttlichen Verboten, wird zuwiderhandelnd – so die Bibel eindeutig - als Sünder bis in den Tod verfolgt und darüber hinaus bis in die Hölle. Selbst der Himmel ist eine göttliche Diktatur. Die Repressionen der Religion(en) erfüllen in einer Demokratie den Tatbestand der Unterdrückung, der Erpressung und des Terrors.

Erst durch die Loslösung von Gott als der höchsten religiösen Autorität setzt sich der Mensch frei von größtmöglicher Fremdbestimmung. Indem er sich selbst herausnimmt aus der göttlichen Bevormundung, entwickelt er sich zu einem sich selbst bestimmenden und verantwortenden Individuum. Er wird ein autonomer Mensch. Ein solcher Mensch bekennt sich in unserer demokratischen Gesellschaft als Atheist.

Der Mensch ist frei geboren, überall liegt er in Ketten. Dieser Aufschrei der Aufklärung damals zur Befreiung des Menschen richtete sich gegen die kirchlich-religiöse Beherrschung des Menschen, denn alle staatliche Gewalt vollzog sich ursächlich in Vollmacht Gottes und damit als theokratische Unterdrückung. Auch heute ist die geistige Befreiung des Menschen aus religiöser Fremdbestimmung ein hochaktuelles Thema unserer säkularen Gesellschaft, die von göttlichem Irrglauben und kirchlich-religiöser Hochfährigkeit nur so trieft.

Der Mensch kann sehr wohl in eigener Verantwortung leben - ohne Kirche, ohne Religion, ohne Gott. Viele Menschen tun das. Sie verstehen ihr Leben vor dem Tod als ihr einziges Leben. Sie versuchen, dieses Leben bestmöglich zu gestalten. Sie setzten sich Ziele, geben sich selber Sinn, erfüllen Pflichten. Sie habe Freunde, genießen die Freuden in der Vielfalt und Schönheit des Daseins. Zugleich wissen sie um den Tod als das ganz natürliche Ende ihres Lebens – für immer. Ihren Tod verstehe sie als das Nichts, in dem – ohne allen Schrecken – ewiger Frieden herrschen wird.

Der Mensch kann sehr wohl zugleich in Mitverantwortung für den Mitmenschen und für die Gesellschaft leben, auch ohne Kirche, ohne Religion, ohne Gott. Viele – gerade auch junge – Staatsbürger tun das, oft sogar unter schwersten persönlichen psychischen Belastungen als Kranken- oder Altenpfleger, als Polizisten und Rettungsdienste bei entsetzlichen Unfällen, als Soldaten in Afghanistan. Sie leben durch und durch in humanistischen Lebensidealen.

Der Mensch kann sich selbst befreien zu einem autonom-humanistischen Menschen in einer säkularen Welt. Der Mensch braucht dazu keinen Papst, keine Religion, keinen Gott. Er braucht nur verantwortungsbewusste Menschen, die mit ihm im Leben und Sterben solidarisch sind.

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